Allergien: vorbeugende Maßnahmen, Vererbung und neuen Therapieformen

Wenn es an der Haut juckt, brennt oder sticht, die Augen jucken, die Nase läuft und das Atmen schwerfällt: saisonunabhängig häufen sich Allergien und äußern sich durch oft starke Sofort- Reaktionen des Körpers oder als – oftmals lange Zeit nicht erkannte – diffuse Beschwerden.

Als Leiter des Zentrums für Allergologie am DERMATOLOGIKUM Hamburg und Facharzt für Dermatologie hat sich Priv.-Doz. Dr. med. Dieter Vieluf unter anderem auf Allergien und deren Erforschung und Behandlung spezialisiert.

Neben Allergien, die durch Pollen, Gräser etc. ausgelöst werden - gibt es auch bei anderen Allergien einen Anstieg?

Priv.-Doz. Dr. med. Dieter Vieluf: Die Häufigkeit von durch Nahrungsmittel, Medikamente oder Insektengift ausgelösten Anaphylaxien hat deutlich zugenommen. Es sind bereits bis zu 5 % der Bevölkerung in Deutschland betroffen. Die Anaphylaxie ist die Maximalvariante einer allergischen Soforttypreaktion. Nach Kontakt zu einem Allergen kann es zu einer akuten Allgemeinreaktion mit verschiedensten Symptomen an einem oder mehreren Organen kommen.

Leitsymptome der Anaphylaxie sind:

  • flächenhafte Rötungen, Juckreiz, Quaddeln und/oder Schwellungen der Haut und Schleimhäute

  • Übelkeit, Bauchschmerzen, Erbrechen und/oder Durchfall

  • Schnupfen, Heiserkeit, Husten, Atemnot u./o. Atemstillstand

  • Pulsbeschleunigung, Blutdruckabfall (Schwindel, Schwächegefühl), Herzrhythmusstörungen, Kreislaufschock/-stillstand

Wie können diese am wirksamsten behandelt werden?

Nach Auftreten einer Anaphylaxie (allergischen Sofortreaktion) ist eine allergologische Abklärung zwingend erforderlich, um den/die Auslöser zu ermitteln und zukünftig zu vermeiden. Neben einer detaillierten Anamnese kommen der Pricktest und/oder Blutuntersuchungen zum Einsatz. Zur Sicherung der Diagnose kann auch eine Provokationstestung mit den verdächtigen Auslösern (unter stationären Bedingungen) erforderlich sein.

In jedem Fall benötigen alle Patient:innen nach einer schweren anaphylaktischen Reaktion ein sogenanntes Notfallset zur Selbstbehandlung. Dies besteht aus einem Adrenalin- Autoinjektor (zur einfachen Selbstanwendung), einem Antihistaminikum und Kortison.

Priv.-Doz. Dr. med. Dieter Vieluf arbeitet seit 2016 am DERMATOLOGIKUM HAMBURG. Er ist Leiter der Abteilung Allergologie, Berufsdermatologie und Photodermatologie
Priv.-Doz. Dr. med. Dieter Vieluf arbeitet seit 2016 am DERMATOLOGIKUM HAMBURG. Er ist Leiter der Abteilung Allergologie, Berufsdermatologie und Photodermatologie

Warum reagiert der Körper oft sehr schnell/extrem auf ein Allergen?

Die sogenannten allergischen Soforttypreaktionen werden über spezifische Antikörper vermittelt, die bei Kontakt mit bestimmten Allergenen (z. B. Pollen, Tierallergene, Hausstaubmilben, Nahrungsmittel, Insektengifte, Arzneimittel) Mastzellen in der Haut und den Schleimhäuten, aber auch basophile Granulozyten im Blut aktivieren. Diese Zellen setzen dann zumeist sehr schnell verschiedenste Botenstoffe frei wie z. B. das Histamin, welche dann akut zu den verschiedensten Symptomen (s. o.) führen können.

Gibt es vorbeugende Maßnahmen, die das Risiko mindern, Allergien zu entwickeln?

Die sogenannte Primärprävention umfasst die Beseitigung bzw. die Verminderung der Ursachen, die für die Krankheitsentstehung von Bedeutung sind, und die Erhöhung der Toleranz gegenüber Allergenen. Sie ist insbesondere bei Risikogruppen (mit genetischer Vorbelastung) wirksam.

Zur Primärprävention werden folgende Maßnahmen empfohlen:

  • Vermeiden einer Kaiserschnittgeburt, wenn keine medizinische Indikation besteht

  • Ausschließliches Stillen in den ersten 4 Lebensmonaten. Falls dies nicht möglich ist: bei familiärer Vorbelastung (mindestens 1 Elternteil und/oder ein Geschwisterkind hat/haben Asthma, Heuschnupfen oder Neurodermitis) hypoallergene Nahrung

  • Beikost ab dem vollendeten 4. Lebensmonat einführen

  • Beachten einer ausgewogenen und nährstoffdeckenden Ernährung in der Schwangerschaft und Stillzeit und im 1. Lebensjahr (kein Meiden von bestimmten Nahrungsmitteln)

  • Impfungen nach Empfehlungen der ständigen Impfkommission

  • Vermeidung von Übergewicht (welches mit einem erhöhten Risiko für Asthma einhergeht)

  • Keine Anschaffung von Katzen (bei familiärer Vorbelastung (s.o.))

  • Vermeidung eines schimmelpilzfördernden Innenraumklimas

  • Verzicht auf das Rauchen und Vermeidung des Passivrauchens

  • Minimierung der Exposition gegenüber Luftschadstoffen in Innenräumen und auch im Außenraum

  • Zur Prävention der Hühnereiallergie sollte durcherhitztes (z. B. verbackenes oder hartgekochtes), aber nicht „rohes“ Hühnerei (auch kein Rührei) mit der Beikost eingeführt und regelmäßig gegeben werden

Es gibt zudem Hinweise, dass eine mediterrane Kost mit viel Gemüse, Früchten und Omega- 3-Fettsäuren einen präventiven Effekt auf atopische Erkrankungen haben könnte.

Allergische Erkrankungen sollten frühzeitig diagnostiziert und behandelt werden. Dies gilt vor allem für den Heuschnupfen, da sich bei zunehmender Ausprägung der Symptome das Risiko für ein Asthma bronchiale deutlich erhöht.

Leitsymptome der Anaphylaxie: flächenhafte Rötungen, Juckreiz oder Schwellungen der Haut
Leitsymptome der Anaphylaxie: flächenhafte Rötungen, Juckreiz oder Schwellungen der Haut

Inwieweit spielt die Vererbung eine Rolle?

Das Risiko für das Auftreten von Heuschnupfen, Asthma oder Neurodermitis ist hauptsächlich genetisch bedingt. Ob Menschen mit dieser Veranlagung tatsächlich erkranken, hängt jedoch noch von vielen anderen Faktoren ab. Dazu gehören Umwelteinflüsse wie Luftschadstoffe oder die Zusammensetzung der natürlichen Bakterien auf den Schleimhäuten. Kinder, die auf dem Land groß geworden sind, haben beispielsweise ein geringeres Risiko, an Allergien oder Asthma zu erkranken. Das hängt vor allem mit der frühen Konfrontation mit bestimmten Bakterien auf der Haut und Allergenen zusammen, die scheinbar schützend wirkt. 

Das Risiko für das Auftreten einer dieser Erkrankungen liegt bei etwa 15 %, wenn beide Elternteile keine dieser drei Erkrankungen aufweisen. Wenn ein Elternteil eine der drei atopischen Erkrankungen aufweist, besteht ein Risiko für die Entwicklung einer atopischen Erkrankung von 20 bis 40 %, wenn beide Eltern unter unterschiedlichen atopischen Erkrankungen leiden von 40 bis 60 % und wenn Vater und Mutter unter derselben atopischen Erkrankung leiden, steigt das Risiko auf 60-80 %, dass eine atopische Erkrankung im Verlauf des Lebens auftritt.

Auch für die andere Soforttypallergien wie z. B. auf Insektengift, Arzneimittel, Nahrungsmittel sowie für die Spättypallergien (z. B. das allergische Kontaktekzem) gibt es eine genetische Komponente.

Welche neuen Therapieformen gibt es oder woran wird gerade geforscht?

Der erste Schritt ist die Ermittlung der Auslöser der allergischen Symptome. Hierfür steht uns seit einigen Jahren zusätzlich die sogenannte molekulare Allergiediagnostik zur Verfügung. Dabei können die verschiedenen Haupt- und Nebenallergene ermittelt werden, etwa von einzelnen Pollen, Hausstaubmilben, Tieren und Nahrungsmitteln. Falls ein:e Patient:in beispielsweise unter einer Haselnussallergie leidet, kann durch den Einsatz der molekularen Allergiediagnostik differenziert werden, ob es sich um eine sogenannte birkenpollen-assoziierte Haselnussallergie mit Reaktionen nur an den Schleimhäuten im Kopf-/Halsbereich handelt oder um eine Allergie z. B. auf Speicherproteine der Haselnuss, die mit einem erhöhten Risiko einer Allgemeinreaktion (Anaphylaxie) einhergeht.

Neue Therapiemöglichkeiten von Allergien bestehen durch den Einsatz von sogenannten Biologika. Dabei handelt es sich um Antikörper gegen wichtige Botenstoffe der allergischen Erkrankungen, sodass allergische Entzündungsreaktionen blockiert werden können. So können etwa auch allergischen Entzündung blockiert werden. Diese neuen Medikamente werden insbesondere bei schweren Formen von Neurodermitis, Nesselsucht, Asthma und der chronischen Rhinosinusitis (= Entzündungen der Nasen- und - nebenhöhlenschleimhaut) eingesetzt.

Zur Behandlung einer Katzenallergie kann der im Haushalt lebenden Katze ein spezielles Trockenfutter gegeben werden. Dies enthält Antikörper, welche gezielt gegen das Hauptallergen im Speichel der Katze wirken. Innerhalb eines Fütterungszeitraums von 6 Wochen nahm die Menge an Allergenen an den Katzenhaaren und -schuppen um bis zu 47 % ab.

Ein neuer Forschungsansatz der Behandlung von Soforttypallergien setzt darauf, dass Patient:innen allergenspezifische IgG-Antikörper erhalten. In ersten klinischen Studien zeigte sich nach einer einzigen Injektion mit diesen Antikörpern eine für einige Wochen anhaltende deutliche Reduktion der allergischen Beschwerden.

Aufgrund des zunehmenden Wissens um die Bedeutung der Mikrobiome (also der Gesamtheit der Mikroorganismen) an der Haut und den Schleimhäuten für das Immunsystem ist dies aktuell ein wichtiger Forschungszweig, um neue Therapiemöglichkeiten durch den gezielten Einsatz von z.B. Probiotika zu entwickeln.

 Sind Sie interessiert an einem Allergiecheck? Das Dermatologikum Hamburg bietet Ihnen ein individuelles Vorsorgepaket an. Alle Informationen finden Sie hier, wir freuen uns auf Ihren Besuch.

Verwandter Fachbereich