Nahrungsmittelunverträglichkeiten

17.08.2022
6 Minuten

Wenn Nahrung zur Belastung wird: Scheinbar immer mehr Menschen können bestimmte Stoffe in Nahrungsmitteln nicht (mehr) gut vertragen. PD. Dr. med. Dieter Vieluf, Leiter des Zentrums für Allergologie am DERMATOLOGIKUM, im Interview.

Nahrungsmittelunverträglichkeiten

Wenn Nahrung zur Belastung wird: Scheinbar immer mehr Menschen können bestimmte Stoffe in Nahrungsmitteln nicht (mehr) gut vertragen. Ob Laktose, Gluten oder Histamin - es gibt nahezu zu jedem Inhaltsstoff Bücher und Ernährungsratgeber. Und auch immer mehr Restaurants und Lieferdienste stellen sich auf diese neuen Herausforderungen bei der Auswahl ihrer Speisen ein.

 Als Leiter des Zentrums für Allergologie am DERMATOLOGIKUM Hamburg und Facharzt für Dermatologie hat sich Priv.-Doz. Dr. med. Dieter Vieluf unter anderem auf Allergien und weitere Beschwerden spezialisiert, die durch Unverträglichkeiten auf Nahrungsmittel ausgelöst werden können. Im folgenden Interview gibt er Einblick in mögliche Gründe für die steigende Anzahl an Unverträglichkeiten, wie diese entstehen und welche Therapieformen zur Verfügung stehen.

Unverträglichkeiten auf Nahrungsmittel sind inzwischen alltägliches Gesprächsthema. Steigt die Anzahl der Betroffenen tatsächlich an oder kommt uns das nur so vor?

PD Dr. med. Dieter Vieluf: Es gibt tatsächlich immer mehr Patient:innen mit gastrointestinalen Beschwerden (Magen-Darm-Symptomen wie z.B. Blähbauch, Bauchschmerzen, Durchfällen), die diese Symptome im Zusammenhang mit dem Verzehr bestimmter Nahrungsmittel sehen und eine Allergie vermuten (bis zu 25 % der Bevölkerung). Differentialdiagnostisch liegen echte Nahrungsmittelallergien jedoch nur bei 6-8 % der Kinder und 4 % der Erwachsenen vor. Die meisten davon reagieren insbesondere auf Erdnuss, Haselnuss, Weizen, Hühnerei, Milch, Soja, Walnuss, Sellerie, Schalen-/Weichtiere wie Shrimps, Fisch, Cashew. Doch Nahrungsmittelunverträglichkeiten, so z.B. Lactose- und Fruktoseintoleranz, Histaminintoleranz, Weizen-/Glutenunverträglichkeiten treten vermehrt auf.

Nahrungsmittelunverträglichkeiten werden häufig als Auslöser für verschiedenste Symptome angesehen. Zu unterscheiden sind dabei Nahrungsmittelallergien u.a. von sogenannten Intoleranzreaktionen auf kurzkettige Kohlenhydrate (auch FODMAPs genannt), sowie auf wie Fructose, Lactose und Sorbit (= Kohlenhydratverwertungsstörungen). Bei diesen Reaktionen stehen vor allem Symptome wie Blähungen, Bauchschmerzen und Durchfälle im Vordergrund. Nach dem Verzehr bestimmter Zusatzstoffe wie z.B. Sulfiten oder Salicylaten kann es zu einer Freisetzung von Botenstoffen aus den Mastzellen kommen und dadurch zu Symptomen wie bei einer Allergie. Früher sprach man dabei auch von einer Pseudoallergie. Auch bei einer Histaminintoleranz kann es durch den Verzehr histaminreicher Nahrungsmittel und/oder durch einen verminderten Abbau von Histamin (z.B. in Folge eines Mangels an Diaminoxidase) zu allergieähnlichen Symptomen kommen. Dies sind oft akute Rötung im Gesichts-/Halsbereich, seltener auch akute Urtikaria (Nesselsucht), Magen-Darm-Symptome wie z. B. Durchfälle sowie Herz-Kreislauf-Reaktionen (z.B. Herzrasen).

Bei akuten Symptomen nach Nahrungsmittelverzehr sollten auch toxische Reaktionen (z. B. durch Bakterientoxine oder hohe Mengen an Histamin) in Betracht gezogen werden. Bei chronischen Beschwerden kann es sich um eine Gluten- oder Weizenunverträglichkeit, ein Reizdarmsyndrom, chronisch entzündliche Darmerkrankungen oder organisch bedingte strukturelle Veränderungen des Magen-Darm-Trakts handeln. Diese sollten durch Untersuchungen möglichst frühzeitig abgeklärt werden.

Die häufigste Nahrungsmittelunverträglichkeit?
Fructose- (Fruchtzucker-) und Laktoseintoleranz (Milchzucker) mit 15 – 25 % bzw. 17-20 %

Was sind die gängigsten Unverträglichkeiten?

Am häufigsten finden sich die Fructose- (Fruchtzucker-) und die Laktoseintoleranz (Milchzucker) mit 15 – 25 % bzw. 17-20 %. Darauf folgt die Sorbitunverträglichkeit mit 8-12 %. Sorbit ist ein Zuckeralkohol und wird als Süßungs- oder Feuchthaltemittel vielen industriell hergestellten Nahrungsmitteln zugesetzt. Dann kommt schon die Histaminintoleranz (3 %) und die sog. Pseudoallergien auf Zusatzstoffe (u. a. Sulfite, Salicylate) bzw. Geschmacksverstärker (wie Glutamat) mit weniger als 1 %.

Bis zu 13 % der Bevölkerung leiden nach eigener Einschätzung unter einer sogenannten Gluten-/Weizensensitivität, die von den medizinisch klar definierten weizenbedingten Krankheiten wie der Zöliakie (0,3 %) oder Weizenallergie zu unterscheiden ist. Unklar ist bislang aber, welcher Inhaltsstoff des Weizens der Trigger für die beobachteten Magen-Darm- und teilweise auch systemischen Beschwerden ist.

Welche Unverträglichkeiten können hinter welchen Hautbeschwerden stecken?

Flächenhafte Rötungen, Juckreiz, Quaddeln und/oder Schwellungen der Haut und Schleimhäute können vor allem durch Unverträglichkeiten auf Histamin und andere sogenannte „vasoaktive Substanzen“ wie Serotonin oder Tyramin sowie Nahrungsmittelzusatzstoffe ausgelöst werden.

Priv.-Doz. Dr. med. Dieter Vieluf arbeitet seit 2016 am DERMATOLOGIKUM HAMBURG. Hier ist er Leiter der Abteilung Allergologie, Berufsdermatologie und Photodermatologie.
Priv.-Doz. Dr. med. Dieter Vieluf arbeitet seit 2016 am DERMATOLOGIKUM HAMBURG. Hier ist er Leiter der Abteilung Allergologie, Berufsdermatologie und Photodermatologie.

Was sind die klassischen Therapieansätze und was kann Erleichterung bringen?

Bisher ist nur eine Meidung der Nahrungsmittel bzw. Inhaltsstoffe, welche die Unverträglichkeitsreaktionen auslösen, am wirksamsten. Allerdings kommt es dabei auf die individuelle Ausprägung der Unverträglichkeit an, wie streng eine Diät eingehalten werden muss. So werden z. B. von einem Teil der Laktoseintoleranten kleine Mengen an Milchzucker problemlos vertragen.

Versuchsweise können bei Lactose- und Fructoseintoleranz vor dem Essen Lactase bzw. Glucose-/Xyloseisomerase eingenommen werden. Bei Unverträglichkeiten auf unverdauliche Kohlenhydrate kann die Gabe von verschiedenen Enzymen wie Alpha-Galactosidase, Saccharase, Zellulase und Hemizellulase hilfreich sein.

Bei der Histaminintoleranz reicht es häufig, eine histaminarme Ernährung intervallweise für 2-3 Wochen einzuhalten. Auch die Einnahme von Diaminooxidase vor dem Essen kann zu einer Verminderung der Beschwerden beitragen.

Eine Beratung durch eine allergologisch erfahrene Ernährungsfachkraft kann dabei hilfreich sein. Auch eine wiederholte computergestützte Nährwertberechnung auf der Basis eines mehrtägigen Ernährungsprotokolls kann sinnvoll sein.

Welche neuen Therapieformen gibt es oder woran wird gerade geforscht?

Der Einfluss des Mikrobioms an den Schleimhäuten auf die Entstehung von Nahrungsmittelunverträglichkeiten ist ein wichtiger Forschungsschwerpunkt. Durch Beeinflussung des Mikrobioms im Magen-Darm-Trakt soll z. B. die Spaltung von Milch- oder Fruchtzucker bzw. Histamin verbessert werden. So werden z. B. besondere Milchsäurebakterien verabreicht, die sich im menschlichen Dünndarm ansiedeln können. Dort verarbeiten diese dann die Fructose, welche mit der Nahrung aufgenommen wird. Dadurch gelangt deutlich weniger Fructose in den Dickdarm und die Symptome werden deutlich reduziert. Auch werden die Effekte weiterer Enzym-Kombinationen zur optimalen Spaltung von Lactose und Fructose nach Nahrungsaufnahme geprüft.

Gibt es präventiv Ernährungsansätze, mit denen Unverträglichkeiten erst gar nicht entstehen?

Der sekundäre Laktosemangel ist nicht genetisch bedingt, sondern wird durch andere Krankheiten ausgelöst. So kann beispielsweise eine entzündliche Darmerkrankung die Darmschleimhaut schädigen und dadurch zu einem vorübergehenden Laktosemangel führen. Ein solcher Mangel kann nach der Einnahme von Antibiotika auftreten. Wenn sich die Darmschleimhaut wieder regeneriert hat, wird Laktose meist wieder vertragen. Möglicherweise kann der prophylaktische Einsatz von geeigneten Probiotika vor der Entwicklung einer sekundären Laktoseintoleranz schützen. Auch der positive Einfluss der natürlichen Geburt und des Stillens auf das Mikrobiom der Haut sowie Schleimhäute und damit auch des Darms ist bewiesen und können daher als präventive Maßnahmen angesehen werden.

Zudem sollte eine möglichst ausgewogene mediterrane Kost mit frischen oder tiefgekühlten unverarbeiteten Nahrungsmitteln bevorzugt werden. Dazu zählen vor allem Gemüse, Salate, hochwertige pflanzliche Öle, wenig helles Fleisch, mehr Fisch (1-2 x pro Woche), Nüsse und Samen. Gleichzeitig sollte auf unverträgliche Nahrungsmittel verzichtet werden.

Sie haben Fragen zur Nahrungsmittelunverträglichkeit oder sind an einer individuellen Beratung interessiert? Dann kontaktieren Sie uns gerne, wir freuen uns auf Ihren Besuch.

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