Aktueller Stand in der Neurodermitis-Therapie

Im Interview gibt Prof. Dr. med. Marc Radtke, Facharzt für Dermatologie und Leitung der Klinischen Studien am Dermatologikum Hamburg, Einblicke den aktuellsten Stand der Medizin und gibt Empfehlungen für einen ganzheitlichen Umgang und moderne Therapie-Möglichkeiten.

Wie hoch ist der Bevölkerungsanteil, der unter Neurodermitis leidet und welche Auffälligkeiten gibt es bei dieser Erkrankung?

Status Quo

In Deutschland leiden bereits ca. 13 % aller Kinder zeitweilig unter einer Neurodermitis (auch atopisches Ekzem oder atopische Dermatitis genannt). Studien zur Häufigkeit der Neurodermitis bei Erwachsenen deuten auf eine Rate von 2-3 % hin. Gemäß versorgungsepidemiologischen Analysen aus Deutschland nehmen rund 20-25 % der Säuglinge und Kleinkinder, 8 % der Schulkinder und 2 bis 4 % der Erwachsenen Gesundheitsleistungen aufgrund der Neurodermitis in Anspruch. Bei Kindern ist die Neurodermitis damit die häufigste chronische Erkrankung überhaupt.

Wie ist der klassische Verlauf und die Entwicklung?

Die Neurodermitis beginnt bei etwa der Hälfte der Patienten in den ersten sechs Lebensmonaten, in 60 % der Fälle im ersten Lebensjahr und in über 70 bis 85 % der Fälle vordem fünften Lebensjahr. Jedoch sind etwa 60 % der erkrankten Kinder bis zum frühen Erwachsenenalter wieder symptomfrei. Ein früher Erkrankungsbeginn, Begleiterkrankungen wie Asthma und Heuschnupfen, ein schwerer Krankheitsverlauf im Kindesalter und unmittelbar betroffene Familienmitglieder sind Signale für ein mögliches Anhalten der Neurodermitis bis ins Erwachsenenalter.

Gibt es neben der Neurodermitis Auffälligkeiten, die viele möglich Betroffene zeigen?

50 - 80 % der Patient*innen weisen Sensibilisierungen gegen Aeroallergene und/oder Nahrungsmittelallergene auf. Diese zeigen sich überdurchschnittlich häufig durch Heuschnupfen, allergisches Asthma oder einer klinisch relevanten Nahrungsmittelallergie. Lassen sich diese Auslösefaktoren nachweisen, die für die Unterhaltung der Entzündung klinisch relevant sind, so ist die Durchführung einer spezifischen Immuntherapie im Rahmender zugelassenen Indikation empfehlenswert.

Was sollten Betroffene für eine rasche Linderung beachten?

Ganzheitlicher Ansatz

Für eine effiziente und auf die Bedürfnisse der Patient:innen abgestimmte Behandlung, ist eine gründliche Vorab-Diagnostik wichtig. Hier gilt es insbesondere, mögliche Auslöse- und Triggerfaktoren zu identifizieren. Für die weitere Therapieplanung ist auch die Differenzierung der unterschiedlichen klinischen Formen der Neurodermitis mit ihren altersspezifischen Ausprägungen von besonderer Bedeutung.

Prof. Dr. med. Marc Radtke ist Facharzt für Dermatologie. Seine Schwerpunkte sind chronisch-entzündliche Hauterkrankungen (Neurodermitis, Psoriasis, Schuppenflechte), immunologische Erkrankungen sowie klinische Forschung.
Prof. Dr. med. Marc Radtke ist Facharzt für Dermatologie. Seine Schwerpunkte sind chronisch-entzündliche Hauterkrankungen (Neurodermitis, Psoriasis, Schuppenflechte), immunologische Erkrankungen sowie klinische Forschung.

Wie kann das Umfeld den Patient:in unterstützen?

Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass es entscheidend ist, Patient:innen und deren Angehörige über mögliche Auswirkungen auf die Lebensqualität zu informieren. Denn Neurodermitis kann die Lebensqualität einschränken, den Alltag bestimmen und ist oft für alle Beteiligten belastend. Es ist wichtig, von Anfang an das Selbstwertgefühl, besonders bei Kindern, zu stärken, indem es über die Krankheit aufgeklärt wird und verinnerlicht wird, dass es sich nicht für seinen Körper schämen muss. Gesunde Geschwisterkinder fühlen sich eventuell zurückgesetzt und in ihren Bedürfnissen nicht ausreichend wahrgenommen. Hier ist es wichtig, als Eltern den Überblick zu behalten und den Umgang mit der Erkrankung Teil des Alltags werden zu lassen.

Was können Sie Eltern von Neurodermitis betroffenen Kindern raten?

Gerade am Anfang der Erkrankung sind Eltern oft überfordert oder grundlos von Schuldgefühlen geplagt. Sie setzen sich häufig sehr unter Druck und haben große Sorge, weil das Kind leidet, nicht mehr durchschläft und die Krankheitssymptome sich auf den Alltag auswirken. Damit sich Eltern nicht hilflos fühlen, ist es wichtig, die Eltern in alle Phasen der Therapie einzubinden und aufzuklären. Ein „gesunder Umgang“ mit der Erkrankung ist hierbei auch vom psychologischen Ansatz für die gesamte Familie von besonderer Bedeutung.

Was kann zur Linderung bei Neurodermitis getan werden?

Rasche und langfristig wirksame Hilfe

Um die verschiedenen Phasen der Neurodermitis zu erkennen und individualisiert zu behandeln ist eine fundierte therapeutische Auseinandersetzung und langfristige Betreuung nötig. Je nach Schweregrad und Diagnose wird eine ambulante, teilstationäre oder vollstationäre Behandlung mit äußerlichen Therapieverfahren und/ oder Systemtherapien empfohlen. Bei chronischen Verläufen können auch Rehabilitationsmaßnahmen sinnvoll sein. Diese sind meist mit zertifizierten Neurodermitis-Schulungen verbunden, in denen Patient*innen und Angehörige eine auf sie abgestimmte Schulung durchlaufen und alle für den Umgang mit der Neurodermitis notwendigen Inhalte gemeinsam entwickeln.

Wie viel Verbesserung kann durch Pflegeprodukte erreicht werden?

Eine auf den individuellen Hautzustand angepasste Hautpflege spielt eine entscheidende Rolle, auch im Hinblick auf die Vorbeugung von Entzündungsschüben und die Wiederherstellung der Hautbarriere. Hierfür stehen eine ganze Reihe an Präparaten und Wirkstoffen zur Verfügung.

Ist eine Behandlung mit Medikamenten möglich bzw. sinnvoll und kann der Patient:in dadurch auf zusätzliche Therapien verzichten?

Die medikamentöse Therapie der Neurodermitis richtet sich nach dem individuellen Schweregrad, dem Ausmaß betroffener Körperoberfläche, der individuellen Einschränkungen der Lebensqualität der Patient:innen und dem Therapiebedürfnis. Hierfür stehen Wirkstoffe zur innerlichen Therapie zur Verfügung, die zielgerichtet das Immunsystem an wichtigen Stellen auf schonende und wirksame Weise modulieren können und somit der Entzündung verhindern können. In den letzten Jahren hat die Entwicklung und der Einsatz sogenannter Biologika die Behandlung der schweren Neurodermitis revolutioniert, und eine langfristige Entzündungskontrolle ist möglich.

Eine umfassende Betreuung unter Berücksichtigung der individuellen Lebensqualität und Lebensumstände der Patient:innen, des individuellen Schweregrades der Erkrankung und den besonderen Auswirkungen auf den Alltag ist und bleibt eine Grundvoraussetzung für den langfristigen Behandlungserfolg und ist durch die alleinige medikamentöse nicht zu ersetzen.

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